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Holztrog, Heilbad, hohe Berge

 

Der schönste Traumpfad Österreichs beginnt an der Grenze zwischen Kärnten und der Steiermark: 34 km lang windet  ich die Nockalmstraße durch den Nationalpark Nockberge - ein Ensemble einzigartiger, von den Gletschern der Eiszeit rundgehobelter Gipfel in grandioser Abgelegenheit. Hier ist die Bergwelt noch intakt.

Der Weg führt den Besucher vorbei an Felsmassiven, Bergseen und Zirbenwäldern, an Sennhütten mit grasenden Kühen. Dazwischen immer wieder Wanderwege, die in die Ruhe unbewohnter Almlandschaft führen. Je tiefer der Gast in die Bergwelt eindringt, umso intensiver genießt er die Weltabgeschiedenheit.

Auf halber Strecke der Nockalmstraße wartet ein besonderes Ziel: Umgeben von Zweitausendern findet sich hier, knapp unter der Baumgrenze, Österreichs ältestes Bauernheilbad, das Karlbad. Der Zeitzeuge archaischer Badekunst duckt sich in den Südhang des Königstuhls auf 1650 m Meereshöhe.

In diesem Kleinod soll schon Kaiser Karl der Große gekurt und dem Bad, der Wirkung wegen, seinen Namen verliehen haben. Andere Quellen berichten, dass der Name „Karl" von einem Felskar stamme - das ist eine Hochmulde, gefüllt mit Steinen, die aus dem Gebiet des Königstuhl- Bergmassivs angeschwemmt werden.

Wie dem auch sei: Das Kärntner Karlbad ist eine europäische Baderarität. Nicht nur für Gicht- und Rheuma-Geplagte, sondern auch für Kur- Urlauber, die Entspannung und Erholung suchen. Die Arbeit des Bademeisters und das Ritual des Badens selbst wird nach wie vor originalgetreu so wie in seinen Anfängen zelebriert. Und die gehen zurück auf das 17. Jahrhundert, als das „Bad im klaren Kar" erstmals in mündlichen Nachrichten Erwähnung fand.

Kurerlebnis aus längst vergangenen Tagen

Seit 200 Jahren betreibt die Familie Aschbacher ihr romantisches „Bauernbad im Kar" als traditionelles Kurerlebnis. Die Badesaison dauert von Mitte Juni bis Mitte September. Neben bodenständigen physiotherapeutischen Anwendungen bietet das Bad Vollpension in sieben urgemütlichen Doppelzimmern. Zur fürsorglichen Familienbetreuung gehört Hausmannskost aus Kärntner Gerichten und - nicht zu vergessen - der Selbstgebrannte Kräuter-, Zirbenoder Liebstöckelschnaps als Allheilmittel zur inneren Anwendung.

Doch vor allem kommen die Gäste wegen des Badegenusses. Der sieht so aus: In vierzehn aus Lärchenstämmen gehauenen Trögen wird jeden Tag das im Badehaus entspringende Quellwasser mit glühenden Felssteinen auf 35° bis 40° C erhitzt. Rund  30 Minuten verweilt der Badegast in dem Schwefel- und eisenhaltigen Heilwasser.

Der Hausherr errichtet am Abend einen Scheiterhaufen. In dem werden die zum Baden benötigten Bergsteine erhitzt. Für diesen Zweck wird das Gestein aus dem Wildbach mit Holzscheiten in einem Steinofen, dem „Gromath", aufgeschichtet. Das Geheimnis, die Heilsteine fachgerecht zum Glühen zu bringen, wird vom Gastwirt gehütet. In aller Herrgottsfrühe entfacht der Bademeister das Holzfeuer; die Steine beginnen sich zu erhitzen.

Nach zwei Stunden ist es soweit. Die glühenden Brocken werden mit einer Heugabel auf die Holztrage, das „Mölterlein", befördertund in das Badegewölbe getragen. Dort warten rustikale Holz-Badewannen, gefüllt mit quellkaltem Bergbach-Wasser. Das Wasser stammt aus der Karlquelle, die über dem Heilbad entspringt. Aus der Quelle fließt das Wasser durch Holzrinnen in die Badetröge.

Die glutheißen Steine zerplatzen zischend im Badewasser. Dabei geben sie nicht nur ihre Hitze an das Wasser ab. Sie setzen zugleich Mineralstoffe frei. Die Dämpfe sollen nicht entweichen. Deshalb deckt Georg Aschbacher die Holztröge mit Brettern ab. Nach einer Viertelstunde ist es soweit: Mit dem Ruf „bood'n" gibt der Karlbadchef das Ökobad frei.

Die „Göst", also: die Gäste, gelangen durch eine Holztüre in das Allerheiligste des Karlbades: ein labyrinthisches Kellerverlies. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Der Badegast ergibt sich - eremitengleich - der Magie und Ruhe des uralten Raums.

Urige Badewonne für die Sinne

Beeindruckt von der Stimmung sucht das Auge im Halbdunkel Halt. Der Dielenfußboden ist von Generationen abgetreten; seine Bohlen ächzen unter den Schritten. Der Blick wandert weiter zum Holzbalkengewölbe und streift dabei über das von Rissen gezeichnete Gemäuer, an dem der Putz verzweifelt versucht, sich festzuhalten.

Dann erblickt der Gast in der Dunkelheit das Innenleben der Badeeinrichtung, bestehend aus mannslangen Holzzubern. Jedes Badeunikat ist aus Baumstämmen von Hand behauen. Nun kann der Badegast eintauchen ins Quellwasser und während des Heilschwitzens abtauchen in die Stille. Einfach nur genießen, mit allen Sinnen und Gefühlen. Dabei ist die Luft angenehm feucht und kühl: Man kann sie förmlich trinken.

Beim Bad lugt nur der Kopf aus der Wanne. Die Holzabdeckung dient als Ablage für ein Krügerl mit kühlem Quellwasser. Während aus der nur wenige Schritte entfernten Quelle Heilwasser sanft vor sich hin sprudelt, werden die Gedanken schwer und leicht zugleich. Dem Himmel ganz nahe, der Erde nicht ganz entrückt, spürt der Badende nur noch den Rhythmus seines Atems. Durch Türritzen und Fensterspalte dringt Sonnenlicht und malt bizarre Bilder in die Finsternis.

Eine halbe Stunde ist vergangen. Das Wasser erkaltet. Und erinnert daran, dass sich das Baderitual dem Ende nähert. Der Gast entsteigt auf wundervolle Weise geheilt dem Jungbrunnen. Nach einem Abguss verlässt er das Karlbad voll Glück: Körper und Seele sind entschlackt. Sieben solcher Heilbäder sollte der Kurgast zu sich nehmen, um Linderung gegen ,,das Rheumatische", wie Georg Aschbacher es formuliert, zu erfahren. Wer die Heilkräfte einer richtigen Karlbadkur anzapfen möchte, benötigt dafür zwei bis drei Wochen. Dem Vernehmen nach lässt sich die Heilwirkung bei Gelenkerkrankungen in Kombination mit einer Trinkkur nochmals steigern.

Bedenkenloser Genuss ohne Nebenwirkungen

Doch wie steht's mit der Hygiene? Jahrzehntealte Holztröge, rohe Holzrinnen, heißes Wasser - kann das alles zusammen gutgehen? Keine Panik: Die Badewonne im Einklang mit der Natur ist eine saubere Sache. Regelmäßige

Probeabstriche von den Holzoberflächen bestätigen: Aufgrund der bakteriologischen Untersuchungen des Holzes gibt es keine bedenklichen Befunde. Das Gleiche gilt für die Qualität des Mineral- Quellwassers aus dem hauseigenen Brunnen. So kann der Badegast die Heilkraft ohne Risiken und Nebenwirkungen genießen.

Dennoch gibt es Besucher, die nicht ganz zufrieden sind. Augenzwinkernd erzählt Georg Aschbacher die Geschichte jener Kurgäste, die von der spartanischen Ausstattung des Karlbad befremdet waren. Sie hatten - in grober Unkenntnis der Geografie - den fast gleichnamigen Schickeria- Weltkurort Karlsbad in Tschechien erwartet.

Solchen Pannen zum Trotz steigt die Zahl der echten Karlbadfans, die regelmäßig neue Kraft schöpfen. Bestätigung dafür, dass es sich bei der Heildosis nicht um ein Placebo handelt, ist die Zahl der Wiederholungstäter. Davon sind einige über vierzigmal ins Karlbad gekommen, um Vitalität zu tanken und - vom Glück des warmen Quellwassers berührt - die Seele zu reinigen.

Kontaktadresse:

Familie Georg Aschbacher,

St. Peter 2, A-9545 Radenthein,

Tel. (nur außerhalb der Badesaison):

0043/4246/3430

 

Christoph Saunus

Schwimmbad & Sauna 11/12-2001